Rezension
Aron Sayed hat im Klassik-Magazin klassik.com eine Rezension zu Grammophon & Tiger verfasst:
Am Ende seines Lebens trifft ein Holländer in Rio de Janeiro auf einen Kindheitsfreund, den er bislang nur aus seinen Träumen kannte. Doch da ist es schon zu spät. Als Rafael am Körper seiner Geliebten ein Zeichen entdeckt, weiß er: Ich muss sie gehen lassen. Robert legt sich in sein selbst geschaufeltes Grab, verwundert, warum es sich so bequem anfühlt. Ein Licht von Fliederweiß, Schweinehälften umschwaden Gleisstrecken, aus geöffneten Fenstern segeln herbstblättrig Stühle, eine Stadt steht Kopf: Mittagspausen können schwereloser sein, als man es sich vorstellt. Von oben gesehen ist alles leichter. Ein Mann läuft über den Himmel, wie andere über den Bürgersteig. Am Grab eines Philosophen erfährt ein Abiturient sich selbst in einer traurigen, aber wichtigen Wahrheit.
So oder so ähnlich lassen sich Tristan von der Beys sieben Erzählungen umschreiben, die im Freiburger Schillinger Verlag als Hörbuch erschienen sind. Zuweilen bildmächtig, immer aber poetisch aufgeladen, nehmen die kurzen Geschichten manchmal beschreibende Züge an, etwa wenn der Zuhörende in ‘Draufsicht’ ein Flugzeug besteigt, um aus der Vogelperspektive die Verwirrungen postmodernen Großstadtlebens für Momente abzuschütteln. Auf von der Beys Texte trifft insofern das Attribut ‚literarisch‘ in emphatischem Sinne zu, als es dort zwar um Handlung geht, dahinter oder besser daneben jedoch das Spiel mit der Sprache selbst, mit Bildern, Erwartungen und deren Durchbrechungen steht. ‘Orlandos schwerelose Mittagspause’ etwa lässt sich in großen Teilen genauso als Prosagedicht wie als Erzählung verstehen. Dichte Texte wie ‘Grammophon und Tiger’ springen nicht nur räumlich virtuos zwischen Indien, Holland und Brasilien hin und her, sondern ebenfalls innerhalb verschiedener Vorstellungswelten. Immer jedoch bildet den Hauptrahmen das Erzählerische in Form des Wunderbaren, zuweilen Fantastischen, das novellenhaft als Ereignis oder Begebenheit in den Alltag einbricht, um diesen in sanfter Nachdrücklichkeit aus seinen Angeln zu heben. Geschichten wie ‘la corrida’, ‘Am Grab’ oder ‘Verschattung’ sind dafür gute Beispiele.
Acht verspielte Klavierstücke von Dennis Roth sorgen für die nötige Abwechslung und schöne atmosphärische Bereicherungen zwischen den Erzählungen. Die mal harmonisch schwebenden, mal melodiös vorwärts drängenden Miniaturen hat der aus dem Markgräflerland Stammende übrigens selbst eingespielt. Roths Stücke sind dabei so geschickt in den Programmverlauf eingefügt, dass sie so wirken, als würden sie die Texte kommentieren oder gar weitererzählen, ohne Worte, aber in Musik.
Die Stimme des aus Funk und Fernsehen bekannten Olaf Pessler hat mittlerweile wahrscheinlich jeder schon einmal gehört. Sein unaufgeregter, gleichwohl konstant wacher Vortrag sorgt beim Zuhörenden für Aufmerksamkeit. Dank der unterschwellig anklingenden theatralischen Souveränität, mit der Pessler auch komplexere Sätze und Metaphernabfolgen gestaltet, wird der Hörer am roten Faden leichtfüßig durch von der Beys Bild- und Handlungswelten geführt. Dabei bleibt in seiner Stimme der mal nur flüchtige, dann wieder stärker hervortretende melancholische Grundzug der Erzählungen stets gewahrt.
Wer die Geschichten in Ruhe selber nachlesen möchte: jüngst erschienen sind von der Beys Texte auch innerhalb des 20 Erzählungen umfassenden Erzählbandes ‘Von Eis und Meer’.