Leopold Bloom – der Banause als Gentleman?
Eine Anregung zum Wiederlesen
…das Nausikaa-Kapitel einmal wieder lesen. Ich habe es vor einiger Zeit getan. Unwillkürlich begleitet von der Erinnerung an meine erste Lektüre. Damals – in einer Zeit, in der ich, nun aus der Ferne betrachtet, Bücher geradezu als eine Erweiterung meiner Sinne auffasste, ähnlich einem ausgestreckt-tastenden Schneckengesicht vielleicht – war ich erstaunt, ein wenig empört beinahe, als ich die Begegnung Blooms mit der traumumrankten Gerty MacDowell zum ersten Mal las. Leopold Bloom – nur ein Banause? Gewiss, dies wird von Beginn des Romans an deutlich, Bloom ist nicht ohne Fehler –, aber eben noch stieß er dem prahlerischen Bürger die Spitze seiner Anfeindungen in den blinden Fleck seiner Rede und legte ein humanistisches Bekenntnis ab, wie es schöner wohl kaum in der ganzen Literatur zu finden sein wird. Und nun? Steht er mit beflecktem Hemd am Strand von Sandymount und schaut dem hinkenden Mädchen nach, mit dem er eben ein so spiegelverkehrtes Rendez-vous hatte. Spiegelverzerrt, vielmehr. Gerty, die unwissend wissender ist, als ihr Gedankenstrom zunächst vermuten lässt, baut sich aus den geborgten Fragmenten von Trivialliteratur und Modezeitschriften ein Luftschluss idealer Häuslichkeit und Eheglücks, das umso leichter aufsteigt, als ihre Behinderung sie an die grauen Steine des Strandes fesselt. In Bloom, den sie von Ferne erblickt, glaubt sie ihren „Traumgemahl“ zu erkennen. Während dieser, dessen Gedanken das Kapitel abschließen, im Anschluss an seine heimlichen Verrichtungen, sie eine „kleine Hexe“ nennt und über die Blöße sexueller Fragen sinniert. „Trotzdem, mitgespielt hat die ja, ganz schön sogar. Meingott, bin ich naß. Teufel noch eins, das kann man wohl sagen.“ Odysseus, der „herrliche Dulder“ (Homer) – im Jahr 1904 nur noch ein schamloser Voyeur? Vielleicht –, doch zeigt sich gerade an dieser Stelle, wie dicht der Ulysses gewoben und wie subtil die Bezugnahme auf die antike Vorlage ist. Leopold Bloom: das ist der gehörnte Ehemann aus dem 20. Jahrhundert vereint mit der unbedingten Treue einer Penelope, die seine Frau, Molly Bloom, bestenfalls vom Hörensagen kennt. Es ist der friedliebende Gatte, der, ganz unodysseushaft, keine Rache am Freier seiner Frau zu nehmen vermag. Es ist der harmlose Liebhaber, der sich mit erotischen Postkarten und brieflichen Flirts begnügt und selbst noch in der walpurgisnachthaften Bordellszene (Circe) wahrlich alles durchlebt, nur kein erfüllendes sexuelles Erlebnis. Warum? Weil er, nicht anders als der Laertiade, trotz allem, was zwischen ihnen steht, seine Frau liebt und zu dieser – im übertragenen Sinn – zurückkehren möchte. Doch Joyce gibt diesen Irrfahrten keinen sentimentalen Anstrich. Er nimmt die Triebe ernst, die wie eine Mauer hinter dem Menschen stehen. Ein Rückzug ins Asketische oder Religiöse, das wird wiederholt im Kapitel angedeutet, ist ausgeschlossen. Der Himmel ist offen und leer zugleich und bietet keinen Unterschlupf; die Negation der körperlichen Bedürfnisse stellt keine ernstzunehmende Option mehr dar. Ulysses ist auch ein Buch des Körpers – und Bloom handelt dementsprechend. Am Strand. In der Dämmerung. In der Nähe von drei jungen Frauen und drei Kindern.
Also doch ein Banause? Vielleicht nicht, wenn man mit Joyce Blooms Bedürfnisse ernst nimmt und weniger auf sein Tun als auf sein Unterlassen abstellt. „Für die Erleichterung Dank“, denkt Bloom am Strand. Wenn man nun aus dem Text erschlossen hat, dass das Sexualleben der Blooms seit dem frühen Tod des Sohnes vor über 10 Jahren erloschen ist, versteht man erst die Dringlichkeit dieses Satzes. Bloom windet sich somit in einer Spirale aus aufgestauten Trieben und widersprechenden Überzeugungen – und womöglich entschlüpft er dieser Pirouette dennoch als Gentleman. Denn Bloom spricht Gerty explizit nicht an und hütet sich somit davor, seine Phantasien die Grenze zur Wirklichkeit überschreiten zu lassen, obwohl er ahnt, dass ihm dies möglich sei. Aber er weiß auch, dass, was für die jungfräuliche Gerty Romantik, für ihn nur Erleichterung („Gut, mal Ruhe zu haben“) wäre; dass der Traum, der sich ihnen für Sekunden zu öffnen scheint, nur ein Tor zum alltäglichen, allzumenschlichen, unglücksnahen Einerlei wäre, und dass sein schattengeflügeltes Ich für diesen letztendlich zu schwer ist. Bloom ist kein Gutmensch, er ist aus Fleisch und Blut, und vielleicht ist er auch kein Gentleman, wohl aber ein Dulder, der Gerty unbefleckt gehen lässt und treu zu seiner ehebrecherischen Frau zurückkehrt. Darüber hinaus ist er allerdings noch mehr, das jedoch selbst erlesen sein will. Sie haben das Kapitel länger nicht mehr gelesen? Sie sollten…