Tristan von der Bey: Faksimile

Geworfenheit - Geworfenheit

Geworfenheit

Der Tag, an dem Arno Bürkner seine Fähigkeit, Schlaf zu finden, verloren hatte, versank im Gefälle seiner Erinnerungen allmählich zu einem kleinen, wie ein müde atmendes Herz pochenden Punkt. Dennoch blieb jener Tag – oder, wie er manchmal dachte, jene Tage, die getrennt voneinander standen wie die Schafe einer grasenden Herde –, der Fluchtpunkt seiner Gedanken und Empfindungen, das Zentrum einer Kraft, die ihn mit einer Wucht hinabriss, die einem ungebremsten Sturz aufs Gesicht glich. Verloren hatte er dieses gewöhnliche und doch bei näherer Betrachtung nahezu zauberhafte Vermögen in der Geworfenheit in Familie und Einsamkeit, Liebe und Schuld. Und dieses Verstricktsein in Hoffnung und Verhängnis, in Irrtum und Glück bildet zugleich den roten Faden der Bürknerschen Familiengeschichte, der Generation um Generation unmerklich miteinander verknüpft.

Ursprung und Quelle des Geschehens ist Ulm, die Väterstadt; dort entspringt der narrative Strom, der neben der beschreibenden Komponente noch eine weitere besitzt: die chronologische – denn, wie die Worte Ursprung und Geschichte bereits andeuten, gilt es das Vergangene wieder aus dem tiefen Schlund der Abgeschiedenheit hinaufzufördern. Hierbei leiten Bilder aus den Kindertagen vergangener Generationen, die Aufflackern wie die Erinnerung an Besuche bei den Großeltern: verschwommen, unscharf und dennoch liebevoll-vertraut. Zerstückelte Momentaufnahmen aus dem Ulmer Fischer- und Gerberviertel, in dem kleine, schief stehende Häuschen, von denen die Feuchtigkeit allmählich den Putz löst, in verwinkelten und engen Gässchen stehen. Spaziergänge auf der Stadtmauer, die das Ufer der Donau flankiert, tauchen szenenhaft auf, bilden mehr ein Gefühl als eine Vorstellung; das gotische, bemalte Rathaus stellt einen Fleck der Erinnerung dar und selbstverständlich der monumentale Bau des Ulmer Münsters, dessen Turm wie ein Gebot über die Stadt ragt. In diese räumliche Vorstellung soll nun also noch das Element der Zeit eingeflochten werden, denn es ist das kriegsbedingte Ende des Kaiserreichs, das sich allmählich historisch aufdrängt und das den nicht ganz willkürlich gewählten Ausgangspunkt des Geschehens bildet. Jene Epoche daher, die scheinbar wie aus einer inneren Notwendigkeit heraus die Schrecken des Ersten Weltkrieges hervorbrachte; und so mischen sich in die heraufbeschworenen Vorstellungen die Bilder enthusiastischer Kriegsfreiwilliger, die sich in Waggons an die Front karren lassen, umjubelt von einem Volk, das sich kaum etwas Schöneres denken kann, als diesen heiligen deutschen Krieg. Aber nicht lange wird es dauern und der Enthusiasmus, dieser blinde aufgeputschte Ehrgeiz, wird in den Schützengräben verenden, wird ersticken trotz Gasmaske, zittern im Feuer der Haubitzen oder tödlich getroffen in den Morast sinken; einsam, verlassen. Den Schrecken gilt es zu widerstehen: Nicht hinaus in kotigen, stiefelhohen Schlamm, ins Gedröhn der Artillerie, nicht ins zerschossene, zerrissene Sterben junger Menschen soll es gehen, sondern vom Münsterplatz aus in eine abzweigende Seitenstraße, die Hafengasse, um dort das Geschäft von Jakob Konrad Bürkner aufzusuchen, der in jener Straße einen kleinen Schmiede- und Eisenwarenbetrieb führt.

Jakob Bürkner war das eine von drei Geschwistern, das dem Wiegenalter entwachsen durfte; die anderen beiden, ein Mädchen und ein Junge, von denen er der zweite war und der einzige blieb, umschlangen Krankheit und Tod mit knochigen, infektiösen Armen und zogen sie mit sich, noch ehe ihnen auch nur der Wandel eines Jahres beschieden worden wäre. Die verstockten Eltern gaben ihr einziges Kind bereits mit dreizehn Jahren bei einem Schmied – einem groben und cholerischen Mann, der seine Geduld ebenso leicht und freudig verlor wie seinerzeit seine Unschuld bei einer buckligen Gassenhure – in die Lehre, die dem Jungen zwar viel Kummer einbrachte, aber auch einen geringen Lohn, den er brav zu den Eltern trug, die ihn in Branntwein und Strickwolle investierten. In dieser lieblosen Monotonie verbrachte der Lehrling sieben Jahre, bis Erbfall und Verkauf des Elternhauses es ihm ermöglichten, sein Abhängigkeitsverhältnis zu beenden, ins nahe gelegene Ulm zu ziehen und dort, unter Aufnahme eines Kredits bei entfernten Verwandten, Haus und Geschäft zu erwerben. Jakob Bürkner war in jenen Tagen seiner erstmals erlangten Unabhängigkeit ein junger und kräftiger Mann, ein guter Schmied, was der später erworbener Meistertitel bestätigen sollte, doch darüber hinaus waren die Lehrjahre, die im Zeichen von Willkür und Strenge gestanden hatten, nicht spurlos an ihm vorbeigezogen. Nicht nur äußerlich wirkte er verbraucht und tief erschöpft, sondern auch innerlich war er abgenutzt und ausgelaugt, was ihn dazu veranlasste, sich vornehmlich in sich selbst zurückzuziehen. Er war ein verschlossener Mensch, der nur selten das Haus verließ, zeigte sich jedoch in dem wenigen Kontakt, den er hatte, verständnisvoll und interessiert, wenn auch nicht in einer Weise, die man als gesprächig bezeichnen könnte. Das Haar ringelte sich ihm in krausen Locken über den kalbsschädelgleichen Kopf und mündete in breite Kotletten, die in einen dürftig gepflegten Vollbart übergingen. Er hatte kleine, minimal mandelförmige Augen, die unproportional im Verhältnis zu den breiten Wangenknochen, der breiten Erscheinung überhaupt wirkten und zwischen denen eine Nase von kantiger, doch höckerloser Art lag. Die Hände waren schwielig, die Haut meist kohlig-schwarz die kräftigen Unterarme hinauf bis zum Aufschlag der hochgekrempelten Ärmel eines verwaschenen Baumwollhemdes, das er stets trug und das zum Großteil von einer ledernen Schürze verdeckt wurde. Die wenigen Gänge, die er unternahm, waren meist zweckmäßige Verrichtungen, etwa zum Münsterplatz, wenn dort Markt war, um Gemüse, Brot und gelegentlich ein wenig Fleisch zu kaufen, oder zu Lieferanten und Kunden, um Besorgungen für den Betrieb oder erhaltene Aufträge zu erledigen. Einige dieser Gänge führten ihn zum ebenfalls in der Hafengasse gelegenen Grundstück des Schreiners Walther Hagenbeck, der dort mit seiner Frau und seiner Tochter, ein vom Kleinkindalter an stummes Geschöpf, lebte und in seinem Hinterhof günstig Holzabfälle verkaufte, die Jakob Bürkner wöchentlich abholte und im heimischen Küchenofen möglichst sparsam verfeuerte. Meist war es die Tochter, Karoline Hagenbeck, die im schattigen Hinterhof stand und mit rauen Händen die Körbe der Kunden füllte und die erhaltenen Pfennigbeträge im Schoß ihrer Schürze verwahrte, wo sie aus verschlossener Tiefe leise klimperten. Karoline war von jener ängstlichen Art der Schüchternheit, die schon ins Verstörte ging, hatte den Blick stets auf den Boden gerichtet und trug in all ihren Gesten eine entschuldigende Haltung, als sei sie eine von Gott verdammte Sünderin, die es nicht wert sei, dass man sie anschrie oder mit einer Holzleiste prügele, wie es Walther Hagenbeck des Öfteren tat. Die väterlichen Züchtigungen erfolgten meist dann, wenn Karoline, die ihr strohiges Haar in aufgerollten Zöpfen um die Ohren trug, zu langsam die ihr zugeteilten Tätigkeiten in der Schreinerei erledigte. In solchen Fällen entriss ihr Walther Hagenbeck meist den Besen, verfluchte sie („Nichtsnutzig und verrückt bist du – wie es deine Mutter auch ist!“) und schmiss sie aus der Werkstatt, indem er sie mit dem Besenstil in die Rippen stieß.

Karoline trug wochentags stets ein schlichtes Kleid, das aus einem Stoff gefertigt war, der an Sackleine erinnerte, war etwa siebzehnjährig, doch hatte noch nichts eigentlich Weibliches an sich. Alle Form, jegliche Ausprägung ihres Körpers wollte nicht über das Mädchenhafte hinausgehen: nicht die zierliche Gestalt, nicht die flache Brust oder das knochig-schmale Becken. Lediglich ihre Nase hob sich von der schlichten Erscheinung ab: sie besaß reizende, zwiebelturmartig gewölbte Nasenflügel durch die Karoline sanft, doch ruckartig den Atem ausstieß, wenn sie einen Korb voll Holzscheite anhob. Trat nun einer der Kunden in den Hinterhof, sprang sie stets hastig auf, einen Ausdruck schlechten Gewissens in den Augen, wobei sie eilig ihre Hände in die Taschen des Kleides gleiten ließ, in denen sie ein schartiges Messer und eine der Holzfiguren, an der sie gerade schnitzte, versteckte. Diese Furcht war nicht unbegründet, denn Walther Hagenbeck sah in den verträumten Schnitzereien immer wieder einen Anlass, Karoline zu züchtigen, ihr die Figuren zu entreißen, sie daraufhin zu zertreten oder, wenn dies nicht gelingen wollte, im Ofen zu verbrennen. Weshalb sich die Vermutung aufdrängt, dass Karoline die Stille und schattige Abgeschlossenheit des Hinterhofes, das Stapeln des Brennholzes und den Verkauf desselben der Arbeit in der Schreinerei vorzöge, allein dem war nicht uneingeschränkt so. Gewiss genoss sie die ruhigen, heimlichen Momente, in denen sie auf dem kerbigen Baumstumpf saß (auf dem sie mit einem rostigen Beil die Scheite in verwertbare Keile zu schlagen hatte) und im Verborgenen, in verdeckter Heimlichkeit an einer ihrer Figuren schnitzte. Allerdings gab es auch andere, zerrissene Momente in jenem uneinsehbaren Hinterhof, aus dem kein Laut des Mädchens dringen konnte, stumm wie es war. Und wie charakterlos, roh und gehässig sind manche Menschen, wenn man ihnen nur die Möglichkeit dazu lässt. Es fing damit an, dass Kunden sie betrogen, ihr kleinere oder größere Beträge vorenthielten, woraufhin sie den Zorn des Vaters zu fürchten hatte, wenn die Einnahmen zu gering waren und er ihr unterstellte, sie bestehle ihn. Andere ihrer Peiniger kamen zu zweit, verhöhnten sie, schubsten sie herum, stießen die mit Holzresten gefüllten Körbe um und traten ihr auf die Finger, wenn sie die Scheite aufklauben wollte. Zudem gab es den Metzger Gottlob Ehinger – ein Bekannter von Walther, sie waren gemeinsam zur Schule gegangen –, der gelegentlich vorbeikam, um Erledigungen trieblicher Natur zu verrichten, indem er sich in Dunkelheit an Stummheit verging. Gottlob Ehinger packte Karoline, sobald er sie in ihre andächtige Schnitzerei versunken fand, schloss hastig das Hoftor und verbarrikadierte es mit einem Keil. Daraufhin schleuderte und presste er das Mädchen gegen die Hinterhofmauer, sodass der raue Stein ihre Wange aufschürfte und sie den schimmligen Kalk zwischen die Lippen bekam, während er ihr sackleinenes Kleid anhob, ihre Unterwäsche mit der Schlächterpranke zerriss und sie mit seiner erregten Fettleibigkeit drängend und unaufhörlich gegen die Wand rammte. Bis er irgendwann von ihr abließ, sie in die Holzscheite warf und eilig dem dunklen Hinterhof entschwand. In den Holzabfällen lag Karoline verstört und zitternd, zuweilen sich vor Ekel und Scham übergebend und doch in ihrem Elend noch darum bemüht, sich sobald es ging wieder aufzuraffen, ehe der Vater oder einer der Kunden sie finden würde. Walther Hagenbeck, der nicht vom Übelsten wusste, wohl aber, dass seine Tochter im ummauerten Hinterhof Opfer manch bösen Scherzes und ungebührlicher Qual wurde, kam ihr nicht zu Hilfe. Er hielt sein Kind für schwindsüchtig und debil, Eigenschaften die Karoline, wie er glaubte, von ihrer Mutter geerbt hatte. Zudem fürchtete er den Hohn und Spott der Straße, wenn er sich für sie einsetzen würde; und schließlich unterlag er selbst des Öfteren der Neigung, sie dafür, wie sie war, zu züchtigen.

Was den geistigen Zustand der Mutter, Hannah Hagenbeck, betraf, so wurde dessen Unversehrtheit nicht nur von ihrem Ehemann angezweifelt, sondern war ein beliebtes Gesprächsthema des gesamten Viertels; was Walther, der im Grunde seiner selbst ein unsicherer Mensch war und nichts so sehr fürchtete, wie das Geschwätz der Menge, dazu veranlasste, jedes auch nur vermeintlich sonderliche Verhalten seiner Frauen im Keim zu ersticken. Hannah Hagenbeck hatte sich seit jeher in einer verträumten Ferne zu dem befunden, was wir als Wirklichkeit bezeichnen und in dem rationale Dogmen gelten. Bereits als Kind hatte sie zahlreiche Stunden des Tages damit verbracht, ihr langes glänzendes Haar zu kämmen, und wenn man sie fragte, für wen sie sich eigentlich herausputze, hatte sie stets geantwortet: „Für mein Unglück“, – streute anschließend allerdings so unbekümmert ihr Kinderlachen darüber, dass die Ratlosigkeit im Gesicht ihrer Eltern wieder zerstob. Sie liebte das Algebra ihrer Schulbücher, die Kreuzworträtsel in den Journalen der Mutter und ihre Sammlung von Scherenschnitten, die sie in rotbraunen Herbststunden bastelte. In fahl erhellten Silbernächten war es allerdings vorgekommen, dass sie ihr Bett und das elterliche Haus verließ, geradeso im Nachthemd wie sie sich schlafen gelegt hatte, und zu einem nahe gelegenen See lief, an dessen Ufer die ersten Fischer sie schließlich morgens fanden – und nicht einmal sie selbst hätte im Nachhinein erklären können, wie sie an jenen Ort gelangt war. An anderen Tagen wiederum war sie grundlos traurig und las stundenlang die schwermütigen Balladen ihres Lesebuches. Diese melancholischen Zustände verschlimmerten sich zusätzlich, als sie die Ehe mit Walther Hagenbeck einging, der sie sehenden Auges vereinsamen ließ, sich ihr nur skeptisch und selten näherte und kaum je ein Gespräch mit ihr begann. Sie hatte seinerzeit Walthers Antrag angenommen, da ihr seine grauschattige Blässe gefiel und sie glaubte, dass stille Wasser tief seien.

Hannah Hagenbeck führte einen makellosen Haushalt. Tag für Tag nahm sie die exakt gleichen, sich nie in der Folge unterscheidenden Handlungen vor, lappte zunächst die Scheiben der Fenster, schrubbte und bohnerte anschließend die Böden, woraufhin sie mit einem Fensterleder alle Gegenstände des Hauses abstaubte, auf denen allerdings überhaupt kein Staub lag, da diesem schlichtweg die Zeit fehlte, sich dort anzusammeln. Waren diese Tätigkeiten erledigt, nahm sie sich das komplette aus einhundertzweiundachtzig Teilen bestehende Silberbesteck vor und polierte es in einer Akribie, die manch einer als manisch bezeichnen mochte, auf Hochglanz. Aber sie liebte nun einmal das Schimmern des Silbers, das sie an Weihnachten erinnerte, wenn das Besteck neben den weißen Porzellantellern gefunkelt hatte. Lagen die blanken Silberstücke schließlich wieder im abgewetzten Samt des Besteckkastens, brachte sie ihrem Mann, dies konnte zuweilen der einzige Zeitpunkt des Tages sein, an dem sich die Eheleute zu Gesicht bekamen, eine Tasse Hagebuttentee und einige Plätzchen Nussgebäck vorbei, die von Walther jedoch nie angerührt wurden, da er den Tee abscheulich fand und gegen Nüsse allergisch war. Nun lässt sich darüber streiten, ob dies Verhalten von Hannah, das Servieren des ungeliebten Tees und des Juckreiz erregenden Gebäcks, Anzeichen für die ihr unterstellte Realitätsferne und geistige Verwirrtheit oder vielleicht gerade besonders wache kleine Provokationen waren, mit denen sie ihrem Mann neckende Hinweise auf seine Ignoranz geben wollte. Was jedoch feststand, und dies schwenkt wohl in Richtung der ersten Vermutung, war, dass sie nach den kurzen Besuchen in der Schreinerwerkstatt ihren Mann vergrämt glaubte, und so einige Stunden ungestört im ehelichen Schlafzimmer verbringen konnte, in dem sie, in ihr Hochzeitskleid gehüllt, auf dem Bett saß, ihr langes Haar kämmte und die Lieder sang, die ihr ihre Sehnsüchte einflüsterten. Meist entglitt sie diesem Zustand nach etwa zwei Stunden wieder und stieg in die Werkstatt hinab, wo sie den unangerührten Teller Nussgebäck und den verschmähten Tee abholte.

Die skizzierten häuslichen Verhältnisse änderten sich allerdings auch nach der Geburt Karolines kaum und vor allem nicht zum Besseren hin. Mutter und Tochter lebten jede von ihrer eigenen Schwermut befangen nebeneinander her, ohne voneinander Kenntnis zu nehmen; die eine von Stummheit, die andere von sehnsüchtiger Trübnis umschlossen. Überhaupt grenzt es ans Verwunderliche, wenn man sich das knapp beschriebene Eheleben der Hagenbecks vor Augen hält – und Knappheit ist an dieser Stelle nicht Zweckmäßigkeit, sondern Pflicht, da es mehr schlichtweg nicht zu berichten gibt –, dass es überhaupt zur Zeugung der Tochter kam, die immerhin ein gewisses Minimum an weiblich-männlicher Kooperation erfordert. Und ob dieser einmalige Akt, zumindest einmalig nur durch die Geburt Karolines belegt, erklärbar ist, nicht physiologisch, sondern innerehelich, d.h. ob die Situation rekonstruiert werden kann, in der sie zustande gekommen sein musste, diese Schnittstelle zweier Kurven, die sich ansonsten mit den stärkst möglichen Kräften flohen, bleibt allerdings der Tiefe des Gedächtnisses der Hagenbecks vorbehalten, in die das Geschehen wohl so eilig wie möglich verdrängt worden war. Walther schenkte seiner Frau so wenig Aufmerksamkeit, dass er nicht einmal bemerkte, wie sich ihr Bauch langsam zu einer kleinen Kugel wölbte, in der ein von ihm gezeugtes Leben heranwuchs. Hannah wiederum war zwar auf ihre veränderte Körperlichkeit aufmerksam geworden, allerdings nur zufällig. Ihr war aufgefallen, dass sie bei den allmittäglichen Séancen ihr mondscheinweißes Hochzeitkleid nicht mehr schließen konnte. Darüber zeigte sie sich jedoch keineswegs bekümmert oder fühlte etwa in sich das Begehren, der Veränderung auf den Grund zu gehen, sondern ließ das Kleid einfach aufgeknöpft und sang mit summend-tranceumhüllter Stimme und glasig-abwesenden Augen ihre Ballade vom Mädchen mit dem goldenen Haar. In ihrer traumhaften Welt verloren, umschlossen von somnambulen Sehnsuchtsräuschen, wäre sie nie auf den irdischen Gedanken gekommen, sie könne schwanger sein. Als es dann eines Tages soweit war und die eilig herbeigeholte Hebamme im Hagenbeckschen Haus dem vorgefunden Pressen und Schnaufen assistierte, summte Hannah ihre sehnsüchtigen Melodien und gebar das Kind, wie man hastig eine zu heiße Kartoffel wieder aus dem Mund fallen lässt. Und während die Hebamme das Töchterchen reinigte, besänftigte und es in frische Laken hüllte, war Hannah bereits in das eheliche Schlafzimmer emporgestiegen, kämmte mit einer Bürste ihr Haar und wandte den Blick von Zeit zu Zeit zum Fenster, durch das helles Mondlicht strömte. Walther Hagenbeck, der nie auf die Idee gekommen wäre, seiner Frau bei der Geburt beizustehen, hatte sich bei Ankunft der Hebamme kopfschüttelnd in die vertraute Werkstatt zurückgezogen und wusste seinem Unverständnis nicht anders als durch Tätigkeit beizukommen; weswegen er ein paar Buchenbretter zur Hand nahm und sich daran machte, für das Kind eine Wiege zu schreinern. Von dieser Idee nahm er allerdings bald Abstand und versuchte stattdessen der Vater gewordenen Ratlosigkeit in einer Kneipe mit Korn und Bier beizukommen. Hannah, deren Seele im Schraubstock der Einsamkeit ächzte, hätte auch nach der Geburt der Tochter nichts an ihrem Tagesablauf geändert und das Kind wäre wohl verhungert, wenn nicht die Hebamme am nächsten Tag noch einmal vorbeigekommen wäre und der jungen Mutter die nötigen Anweisungen eingeimpft hätte. Ja, ihr gar einen ausführlichen Plan erstellte, den sie in ihren verträumten Wandel durch den Tag einfügte und der minutiös angab, wie das Töchterchen zu versorgen sei. Hannah gab von nun an dem Kind ebenso geistabwesend wie sie es bei all ihren übrigen Handlungen auch war, die mütterliche Brust, wickelte es, badete es und sang ihm Kinderliedchen, achtete allerdings nie darauf, ob der Zeitpunkt der geeignete war, sondern nur auf das, was der Plan vorgab. Badete daher das Kind, obwohl es bereits schlief, oder weckte es, um es anschließend planmäßig wieder in den Schlaf zu singen. Aber auch die Gesten des Kindes drangen nicht an die Mutter heran, etwa wenn es mit den weichen Händchen nach ihrem glänzenden Haar griff, um zärtlich mit diesem zu spielen. Es lag unbeachtet auf ihrem Schoss, in ihrem Arm, die angegebene halbe Stunde lang, ehe Hannah es wieder in sein Bettchen brachte, wo es bis zum Abend, an dem es noch einmal gestillt wurde, unbeachtet liegen blieb. Walther Hagenbeck wiederum beschränkte seine väterlichen Pflichten auf die allabendliche Erkundigung, ob die Kleine denn schon schliefe? –trat sodann an die Wiege heran, verharrte dabei jedoch in sicherer, berührungsloser Distanz und warf einen ratlosen Blick auf das strampelnde Mädchen.

Etwa acht Tage nach der Geburt kam Herr Steinseifer, Gemeindepfarrer von Amts wegen, der zwei Schubladen, die er hatte leimen lassen, abholen wollte, in die Schreinerei und ergriff, als er von der Geburt des Töchterchens erfuhr, die Gelegenheit, seiner braven Herde ein weiteres Schäfchen einzuverleiben, indem er mit den Eltern ins Wohnhaus ging, um sich das Kind einmal anzusehen und einen Tauftermin zu vereinbaren. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der milde und bereits etwas greise Seelsorger, als er das Kind aus der Wiege hob und auf den Arm nahm, nach dem Namen der Tochter – und traf mit dieser Frage auf betroffenes Schweigen seitens der Eltern, die so ungleich nebeneinander standen. Pfarrer Steinseifer schlug mit tattrigerer Hand drei verzeihende Kreuze auf seinem schwarzen Gewand, überwand sein inneres Entsetzen und riet den Eltern die Tochter doch einfach (und möglichst bald) nach den eigenen Müttern zu benennen. Dieser Empfehlung kam die Hagenbecks schließlich nach, sodass Pfarrer Steinseifer einige Tage später geweihtes Wasser über das zart beflaumte Köpfchen des Kindes fließen ließ, während er den Namen Karoline Maria Hagenbeck in das hallende Gewölbe seiner Kirche sprach.

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