Teil 02 - Geworfenheit
Teil 02
Jakob Bürkner betrat allmählich immer häufiger die feucht-modrigen Schatten im Hinterhof des Hauses Hagenbeck, in den schwieligen Händen einen großen Bastkorb tragend, um jenen mit günstigem und unstet-qualmendem Restebrennholz füllen zu lassen. Er lehnte meist am bröckligen Gemäuerputz (ohne dabei zu ahnen, dass dessen Feuchtigkeit an dieser Stelle von den verzweifelten Tränen Karolines herrührte), nahm die Cordmütze vom krausen Wollhaar und kratzte sich mit der kohligen Hand am Kopf. Gähnte zuweilen, übermüdet wie er war, während das in ihr Sackleinenkleid gehüllte Mädchen mit den wund-roten Händen gespaltene Stuhlbeine, zersägte Dachbalken und ähnliche unverwertbare Holzreste einsammelte und in den Korb warf. War dies geschehen verkreuzte sie die Beine, die in klobigen Holzschuhen staken, übereinander und ließ die Hände in die tiefen Taschen ihres grau-braunen Kleides fahren, in denen sie sogleich Schnitzmesserchen und Holzfigürchen ergriff, die sie kreisend durch die Finger gleiten ließ, bis Jakob an sie herantrat und ihr ein kleines Häuflein Pfennige gab. Der Handwerker mochte die geschäftige Stille, die im Hinterhof der Schreinerei herrschte. Er empfand die Verschwiegenheit Karolines als ansprechend, sie erschien ihm zärtlich, wie auch ihr emsiges Bemühen beim Aufklauben des Holzes und die Schwermut, die er in ihren grauen Augen aufspürte. Von ihrem Martyrium ahnte er nur Vages. Für Karoline wiederum waren die Aufenthalte des verschlossenen Mannes ein unbedrohliches Angenehmes; war er doch selbst keiner ihrer Peiniger und hielt diese allein schon durch seine Anwesenheit fern oder verhinderte, dass jene, meist selbst ängstliche, geduckte Gestalten, die entweder kuschten oder traten, je nach dem welche Möglichkeit sich ihnen bot, ihr Schindluder mit der Schreinertochter trieben. Es mochte ein gutes dutzend solch stiller Aufenthalte vergangen sein, ehe Jakob Bürkner zum ersten Mal das Kratzen seiner Stimme verströmte, kurze, unbeholfene Sätze an Karoline richtend, die auf dem feuchten Erdboden kniete und mit einer Zange rostige Nägel aus einer Leiste zog. Kurz drehte sie den Kopf als Zeichen, dass sie zuhöre, und am verdunkelnden Blinken ihrer Augen ahnte er, dass sich die Schwermut in deren Gräue von diesem Augenblick an um eine Nuance vertiefen würde. Jakobs Anekdoten gewannen mit der Zeit an Ausführlichkeit – und mochten es auch nicht gerade deutlich oder spannend erzählte Berichte sein, so wurden sie doch von einem Mädchen begierig aufgenommen, das kaum je das elterliche Haus verließ und einsame Abende auf ihrem Kämmerchen verbrachte, während ihre hoffende Mutter vor dem Schlafzimmerspiegel ihr Haar kämmte und ihr zurückgezogener Vater in der vertrauten Werkstatt die durch sie eingenommen Pfennigbeträge nachzählte. Es kam vor, dass Jakob Bürkner das Brennholz nicht einmal mehr verfeuerte, sondern im Schuppen der Schmiede anhäufte, um öfter in jenen Hinterhof zu gehen; wobei er sich gelegentlich auf dem Weg dorthin dabei ertappte, wie er darüber nachdachte, welche Neuigkeiten er dem stummen Mädchen erzählen könne. Er blieb manchmal sogar noch ein Viertelstündchen länger, obwohl der Bastkorb bereits gefüllt war, während Karoline auf dem kantigen Baumstumpf saß, die Beine verschränkt und zuhörend, was Jakob erzählte; der jedoch stets abbrach, sobald ein Dritter den Hof betrat. Woraufhin er seinen Bastkorb ergriff und grußlos aus den feuchten Schatten in die Helligkeit der Hafengasse trat. Walther Hagenbeck, dem vieles zu entgehen schien, was in seinem Hinterhof geschah, bemerkte aber sehr wohl, wie der Schmied in stets vertrauterem Ton kleine Monologe an Karoline richtete, und so unterband er die einseitigen Gespräche, sobald er ihnen habhaft wurde, indem er die Tochter ins Haus rief. Wer konnte schon sagen, was für Flausen der Schmied ihr ins Ohr setzen würde. Walther Hagenbeck hatte bereits genug Sorgen mit einer seiner Frauen, die in verträumten Sphären lebte, das gab den Leuten ausreichend Anlass zum Tratschen, da musste nicht auch noch die Tochter ihren Beitrag leisten.
Jakob setzte seine Gänge zum Hinterhof und die dortigen Berichte ungeachtet der väterlichen Interventionen wohl eher aus Gewohnheit als aus anderen, gefühlsreicheren Gründen fort, mochte ihm das verschüchterte Mädchen auch am Herzen liegen. Dennoch bemerkte er mit regloser, erschöpfter Freude, wie sie ein bisschen weniger verkrampft auf dem Baumstumpf zu kauern begann, wenn er sich an den Mauerputz lehnte, sich mit breiter Hand am Kopf kratzte und umständlich seine Berichte einleitete. Manchmal zog Karoline gar eine Holzfigur aus den tiefen Taschen ihres Kleides und beäugte sie prüfend, ehe sie diese rasch wieder in die Gesellschaft klimpernder Pfennige gleiten ließ. Jakob erzählte von seiner Schmiede, seinem Geschäft oder einigen spärlichen Erlebnissen, meist langsam und einsilbig, unausgeschmückt und zusammenhangslos, doch bemüht; bis quietschend die Tür der Schreinerei geöffnet wurde und ein väterlicher Imperativ Karoline ins Haus befahl, die auf ihrem Gang gelegentlich das Kinn ein wenig anhob und den schmalen Lippen das Motiv einer Regung verlieh, die Jakob galt. Jakob, bei weitem kein Mensch großer und heftiger Gefühlsregungen, überkam dennoch regelmäßig der Zorn, wenn er den Hinterhof betrat und dort gemeine Dulder und Knechte verängstigte Stummheit verhöhnten, um selbst einmal ein Geschöpf zum Ertragen zu nötigen. Jedoch zerstob ihre gehässige Herrschaft, sobald der kräftige Schmied erschien und strengen Blickes grußlos zu ihnen trat. Andere Male fand er Karoline mit Sägemehl im geflochtenen Haar vor oder ihre klobigen, hölzernen Schuhe suchend, die ein paar Burschen ihr entwendet und zwischen den Holzscheiten versteckt oder aufs Dach des Schuppens geworfen hatten. Er blieb von nun an, wenn jemand den Hinterhof betrat, solange ebenfalls dort, bis jener wieder verschwand, was Karoline mit kaum bewegten Lippen dankte. Oder er kam gelegentlich, wenn er einen seiner wenigen Gänge verrichtete, bei ihr vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, auch wenn er nicht den Bastkorb mit sich trug; was wiederum Walther Hagenbecks Misstrauen potenzierte, der sich keinen Reim auf dies Verhalten von Jakob machen konnte. Bei einem dieser Gänge, Jakob war auf dem Weg zur Post, um dort einige geschäftliche Schreiben aufzugeben, fand er allerdings das Hoftor verschlossen – und als es schließlich, nach der Erledigung seiner Angelegenheiten, wieder offen stand, traf er Karoline auf dem Boden kauernd an, das Gesicht zerschrammt und das leinene Kleid zerwühlt, aus dessen Tasche weißer, zerrissener Stoff ragte. Frisch war die Feuchtigkeit des modrigen Putzes. Unaufhörlich warf sich das bröckelige Gemäuer stumme Anklagen und blinde Zeugenschaft zu, als seien sie Gegenstände eines Ballspiels. Graue Bleiche stand in Karolines Gesicht; dunkle Augenringe lagen unter gerötetem, gereiztem Weiß. In zitternder Hand hielt die Stumme eine ihrer Holzfiguren, als sei sie eine Wand, an die man sich lehnen könne: ein kräftiger Mann, der in der linken Hand eine Metallstange auf den Ambos hielt und mit der rechten einen schweren Hammer führte. „Allmächtiger“, entfuhr es Jakob. Dann verschlug ihm die Bestürzung die Sprache. Er lief zu Karoline, kniete sich neben sie; bewegte langsam die kräftigen Hände auf sie zu und berührte sie sanft. Sie duldete es, sank gegen ihn – und als er sie schließlich stützend umfasste und ihr eine der breiten Handflächen besänftigend auf das geflochtene Haar legte, zitterte sie so heftig, als drohe sie zu erfrieren. Minutenlang fröstelte sie. In Jakob hingegen kochte es. Langsam erhob er sich und zornig dröhnte er: „Du Teufel!“ Er ergriff das Beil, das im Stumpf stak, wollte zur Tür der Schreinerei eilen, denn zunächst dachte er an Walther, er wusste ja nicht –. Doch er spürte einen leichten Griff, der ihn am Hosenbein hielt, und als er sich umsah, blickte er in stumm-flehendes Bitten – dann brach der Blick. Jakob schleuderte das Beil gegen das Gemäuer und musste mit Gewalt seine aufsteigende Wut und tatenlose Verzweiflung unterdrücken. Schließlich hob er Karoline auf und trug sie, während Walther, der aus der Hintertür trat, sich aber nichts zu sagen traute, ihm verstohlen nachsah, aus den modrigen Schatten des Hinterhofes in die Helligkeit der Hafengasse und brachte sie in sein Haus.
Teil 02 - Geworfenheit
