Im Licht
Niemand in der ganzen Stadt konnte so gut Fahrräder reparieren wie Katja. Und mein Fahrrad war oft kaputt. Es war eines dieser klapprigen Dinger, die man gelegentlich unabgeschlossen am Straßenrand fand oder betrunken irgendeiner Gestalt abkaufte, die einem nachts auf einer Kreuzung begegnete und meist Pscht, pscht Haschisch anbot. Meine Freunde hatten gesagt, ich hätte lieber das Hasch kaufen und eine kurze Strecke fliegen als diesen lahmen Drahtesel kaufen sollen. Aber ich mochte das klapprige Ding und hatte es Xaver getauft.
„Na, Tris“, murrte Katja, als ich mit dem Fahrrad im Hof der Werkstatt erschien. „Was hat er denn wieder?!“
„Er lahmt“, antwortete ich ihr. „Hinten links.“
Ich mochte das Licht in diesem Hinterhof, wenn die Sonne gerade über das Dach stieg. Dann lag es so halb schwebend wie ein Gedanke über dem Pflaster. Man hätte es nur mit einem Stift nachzeichnen müssen, um ein kleines bisschen Himmel festzuhalten. Das Licht interessierte mich jedenfalls mehr als Xaver oder Katja. Obwohl ich Katja immer noch sehr dankte, dass sie mir damals meine erste Louis Armstrong CD geschenkt hatte. Eine Nacht habe ich nur getanzt. Und den nächsten Tag auf der Arbeit nur geschlafen. Damals war ich in einem kleinen Buchladen angestellt und musste, dabei auf eine Leiter kletternd, die alten Bestände, die Dinger, die keiner kaufte, katalogisieren. Irgendwann hat es einen Schlag gemacht und ich war mit der Leiter umgekippt. Blöd natürlich, besonders da mein Chef ahnte, dass ich auf der Leiter eingeschlafen war. Aber der Geruch alter Bücher hat mich immer träumen lassen. Ich kann nur neben einem alten Buch oder einer Frau schlafen. Dann lege ich meinen Kopf so auf ihren Körper, dass ich ihr Herz schlagen höre. Aber nicht zu nah, denn das Herz schlägt laut in der Stille. Etwas abseits, so dass es mehr wie ein Rauschen oder ein Hauch ist. Wie Katja wohl geschlafen hat? fragte ich mich und lief durch das Licht.
„Gut“, sagte sie, als ich ihr die Frage wirklich stellte. Aber etwas verriet mir, dass es nicht so war. Ich mochte es an Katja nicht, dass sie zuweilen log. Nicht böse. Aber eben so wie heute. So am Morgen, wenn nur das Licht neben uns im Hof lag, hätte sie ruhig sagen können, dass sie schlecht geschlafen hatte. Etwas anderes wäre es, wenn Leute da sind. Ich verstehe, wenn man dann ein bisschen an der Wahrheit biegt.
„Kriegst du’s hin“, fragte ich und strich mit der Hand durch das Licht, das hüfthoch um mich stand.
„Bis wann brauchst du’s denn?“
„Ich hatte gehofft, du würdest es gleich machen können. Ich wollte noch in die Redaktion.“ Seit einer Woche schrieb ich für eine kleine Stadtteilzeitung. Buchbesprechungen und ähnliches.
„Du willst, aber du musst nicht?“
„Ja so ungefähr“, antwortete ich. Die Rückwand des Hauses war ganz mit Efeu bewachsen. Manche der Ranken und Blätter hingen träge hinab und tauchten in das Licht ein – ein ganz anderes Grün wurde es dann. Etwas heller, aber durchaus rau, als kratze das Morgenlicht an den Blättern.
„Irgendwie war das Internet kaputt und ich konnte den Artikel nicht mailen. Also habe ich versprochen, dass ich ihn vorbeibringe.“
„Funktioniert bei dir eigentlich auch mal was?“ fragte mich Katja und hatte bereits begonnen, den platten Reifen von der Felge zu ziehen.
„Klar“, sagte ich und klopfte gegen meine Schläfe. „Hier ist alles in Ordnung, das ist das Wichtigste.“
Katja sah mich an und lächelte. „Na, wenn du’s sagst, wird’s wohl so sein.“ Ich setzte mich auf eine Bank und blätterte in meinem Notizbuch. Wenn ich Katja so sah, musste ich immer daran denken, wie wir eines Tages an den Atlantik gefahren waren. Einfach so, nur um zu sehen wie lang man braucht. Auf den letzten Kilometern, als man das Wasser schon sehen konnte, hatten wir die Fenster runtergelassen und die Köpfe in den Fahrtwind gestreckt und die Hände und die Zungen und die Ohren und was man noch so alles in den Wind halten konnte. Dann waren wir über den Strand gerannt. Barfuß – und ich habe irgendetwas in den Sand geschrieben, irgendeinen Blödsinn natürlich, aber meterlang und riesengroß, so dass jeder es sehen konnte, von einem Flugzeug aus oder von so einem Scheißboot wie sie dauernd durch die Küste zischten, so dass man nicht in Ruhe schwimmen konnte.
Katja, wollte ich fragen, weißt du noch als wir an dem Scheißmeer waren? Aber dann kam mir die Frage irgendwie blöd vor.
Katja sagte stattdessen: „Aber sonst hält sich das Ding ja ganz gut.“
„Ja“, sagte ich. „Ja, da kann man nicht meckern. Und abschließen brauche ich ihn auch nicht.“
„Nee“, lachte Katja. „Das kannste dir sparen.“ Ich lachte auch, aber leiser. Eine Katze schlich durch den Hof, blieb stehen und leckte ihr zerzaustes Fell.
„Du, wie lang brauchst du noch“, fragte ich und sah auf die Uhr.
„Jetzt mach mal kein Streß, mein Lieber“, murrte sie. „Immer alles schnell, schnell…“ In diesem Moment ging die Tür des Hauses auf. Es war nackter Backstein, wo nicht der Efeu rankte. Thomas streckte kurz den Kopf hinaus, drehte ihn zweimal von links nach rechts, ehe er wieder im Haus verschwand. Er war Anwalt und hatte sein Büro im Haus, aber oft betrank er sich so, dass er nicht vor elf mit der Arbeit anfing.
„Wie lang seid ihr eigentlich schon zusammen?“ murmelte ich in Richtung Katja. Ich langweilte mich und hatte keine Lust weiter in meinen Notizen zu lesen. Man schreibt viel Zeug auf, das man nicht mehr lesen möchte, wenn die Nächte lang sind.
„Wir sind nicht zusammen“, sagte Katja knapp, während sie einen neuen Reifen aufzog. „Wir ficken nur.“
„Wirklich?“ Ich sah zum Haus. „Aber ihr wohnt doch zusammen.“
„Das macht das mit dem Ficken leichter.“
Katja wusste, dass ich es nicht mochte, wenn sie so redete. Ich glaube, die Rückfahrt vom Atlantik haben wir nur schmollend nebeneinander gesessen, weil wir uns über irgend so einen Was-dürfen-Männer-und-was-dürfen-Frauen-Quark zerstritten hatten. Ich war der Meinung, man sollte nicht einfach ficken, wenn man es nicht ernst meinte. Sie glaubte, auch Frauen sollten einfach ficken dürfen, wenn sie das wollten. Als wir schließlich ankamen, freuten wir uns nicht einmal mehr über den Sand in unseren Haaren oder den Geruch der Sonne, der noch im Auto lag. Wir schmissen die Türen zu und verschwanden. Sie Nord. Ich Süd.
Etwas linkisch fragte sie nun, als Xaver schon wieder auf allen Vieren stand: „Wen fickst du eigentlich zurzeit? Noch immer diese Amerikanerin.“
„Nee, Amy ist wieder in Wyoming.“
„So, und jetzt?“
„Nichts. Ich schreibe.“ Ich hatte gemerkt, dass ich nur gut schreiben konnte, wenn ich wirklich verliebt war oder vollkommen einsam. Ich schob es auf die Literatur, die sehr eifersüchtig war und die es nicht duldete, wenn man Kompromisse machte oder nur mit halbem Herzen bei der Sache war, so wie die aufrichtigen Männer und Frauen, die sich auch nur auf das Ganze einließen und sich nicht vor dem Alleinsein fürchteten. Und manchmal hatte ich keine andere Begleitung über Wochen als einen alten Stift in der Tasche.
Ich nahm das Fahrrad entgegen und sah Katja ins Gesicht. Sie war an diesem Tag nicht leicht zu fixieren. Ihre Augen hatten mich immer an Bonbons erinnert. Karamellbonbons.
„Was kriegst du dafür?“
„Lass mal gut sein, Tris“, sagte Katja und wischte die Hände an ihrer Jeans ab. „Du kannst mich ja mal in einem deiner Bücher erwähnen, die kein Mensch kauft.“ Das Licht war gestiegen und reichte Katja nun bis zum Hals.
„Ja, mach ich“, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Aber beschwer dich nicht, falls sie doch mal jemand liest!“
„Haha“, lachte sie, wischte sich den Kuss von der Stirn und stieß mich zum Hoftor raus. „Da mach ich mir keine Sorgen. Bis das passiert…“
Ich stand vor dem Hoftor. Ja, sagte ich mir, ja, so ist Katja gewesen, so oder so ähnlich. Das Licht war wie damals. Es blendete mich, aber nicht in den Augen, sondern darunter irgendwo und dadrinne. Einige Sekunden stand ich reglos. Aber schließlich musste ich denken: Da glaubst du, es wird schon wieder werden, das ist so eine Sache, die vorübergeht, aber dann kommt sie nicht mehr auf die Beine, wird dünn und blass… Dann stehst du da eines Tages mit deinem Fahrrad, das kaputt ist, und es ist alles wieder da und es ist auch nicht da und die Werkstatt ist weg und die Klingel ist weg und ihr Name ist weg. Was machst du jetzt mit deinem kaputten Fahrrad und deiner Erinnerung und mit alldem, was fehlt und doch irgendwie da ist?
Die Sonne stieg gerade erst über die Dächer. Ich sah auf und sah das Licht, dieses frühe Licht, wie es manchmal in den Städten vorkommt und ich sah ihm nach, wie es den Hügel hinab bis zu den Schrebergärten lag, wie es das Grün aufraute und eine Katze durch es hindurchtappste. Ich dachte an die Artikel in meinem Rucksack und an die Redaktion und dachte mir zugleich Morgen ist auch noch ein Tag; setzte mich auf mein Fahrrad und rollte hinein in das Licht. Ließ die Hände vom Lenker und streckte das Gesicht in den Wind und die Zunge heraus und tat es für uns, für Katja und mich.
